WSSP: Gradinger im Interview „Wandle den Druck in Spaß um“

Für Thomas Gradinger begann die Supersport-WM-Saison 2019 vielversprechend. Nach vier absolvierten Rennwochenenden belegt der Österreicher Platz vier in der Meisterschaftstabelle. Zuletzt holte er nach der ersten Pole-Position (Aragón) auf dem TT-Circuit in Assen sein erstes Podium (Platz 3). Wie sieht Gradinger selbst sein erstes Saisondrittel? Was ist das Erfolgsgeheimnis der Yamaha R6? Wie geht es dem 22-Jährigen im Team? Superbike-World hat nachgefragt.

Das erste Drittel der Saison 2019 ist vorbei. Was ziehst Du für ein Resümee?

„Auf jeden Fall ziehe ich ein positives Resümee. Mein Ziel waren immer die Top 5 und das haben wir in jedem Rennen bis auf Thailand sehr solide geschafft. Ich glaube, dass die Zusammenarbeit im Team in den ersten Rennen einfach sehr gut war. Damit bin ich definitiv zufrieden. Ich sage mal das erste Ziel habe ich erreicht, aber man schraubt seine Ziele dann natürlich höher. Als nächstes geht es darum, die Performance zu steigern. 

Gibt es denn etwas, an dem Du jetzt besonders arbeiten möchtest?

„Ich möchte mich im letzten Renndrittel steigern, glaube aber, dass wir da im letzten Rennen schon gut dabei waren. Ein bisschen was fehlt aber dennoch noch, bis ich sage, dass ich in den letzten Runden angreifen und um den Sieg mitfahren kann. Meine Zweikampfstärke ist glaube ich auch nicht so schlecht, aber auch da möchte ich mich noch verbessern. Das kann man aber schlecht gezielt trainieren. Das geht nur im Rennen.“

Aber mit dem Motorrad passt soweit alles?

„Ich fühle mich richtig wohl. Aber es ist wie immer im Rennsport: Man muss sich weiterentwickeln. Wir probieren bei jedem Rennwochenende neue Sachen aus, sei es am Fahrwerk oder bei der Motorbremse. Klar kann es sein, dass irgendwas davon schlecht funktioniert, aber wir haben immer noch das Basis-Setup und das geht eigentlich so gut wie immer.“

Von welcher Seite gehen die Veränderungen am Bike aus?

„Was das Fahrwerk angeht, kommen die Ideen von meinem Crew Chief oder von Öhlins.“

Yamaha ist jetzt schon seit längerem die führende Kraft in der Supersport-WM (in Assen waren 14 von 26 Fahrern auf Yamaha unterwegs). Hast Du eine Vermutung, woran das liegen könnte? Worin liegen die Stärken der R6?

„Ich kann das schwer beurteilen, weil ich noch nie was anderes gefahren bin als Yamaha. Was ich sagen kann, ist, dass derzeit insgesamt die besseren Fahrer auf Yamahas sitzen. Auf der anderen Seite hat aber sogar ein Mahias mit der Kawasaki seine Probleme. Im Grunde ist ja die jetzige Yamaha – bis auf ein Paar Modifikationen – die gleiche wie vor zehn Jahren. Speziell vom Rahmen her hat sich nicht so viel geändert. Was glaube ich wirklich viel wert ist, ist die Verkleidung! Die Aerodynamik ist schon um einiges besser als bei der alten R6. Selbst für große Fahrer wie mich ist sie sehr windschlüpfrig und es passt. Genauso sieht es bei der Gabel aus, die ist jetzt bremsstabiler.“ 

Gradinger im Assen-Rennen vor Kawa-Pilot Lucas Mahias (© Dominik Lack)

Du sagst, dass die schnelleren Fahrer auf Yamahas unterwegs sind. Welche Eigenschaften muss denn ein Fahrer haben, um in der Supersport-WM schnell unterwegs zu sein?

„Das ist sehr schwer zu beantworten! Wir haben viele verschiedene Fahrer mit unterschiedlichen Fahrstilen. Letztes Jahr haben wir Cortese gesehen, der eher einen runderen, sanfteren Stil hatte. Der hat gegen einen Cluzel gekämpft, der wiederum einen Fahrstil hat, bei dem er spät bremst und früh das Motorrad wieder aufrichtet und beschleunigt. Man kann mit der Yamaha mit vielen Fahrstilen zurechtkommen. Wie in jeder Meisterschaft musst Du Durchsetzungsvermögen und den Siegeswillen haben, sonst kommst Du da nicht voran. Das ist ja in jeder Sportart gleich.“

Steht man sehr unter Druck, wenn man in einer Klasse wie der Supersport-WM konstant schnell sein muss, um Erfolg zu haben?

„Jein. Wenn man erstmal vorne ist, hat man schon Druck. Jeder erwartet, dass man schnell ist. Aber ich schaue eher, dass ich den Druck in Spaß umwandle und ich habe zur Zeit Spaß am Fahren. Gut, ich hatte jetzt neben den Top 5-Ergebnissen auch einen Nuller und da muss ich auch sagen: In der Supersport-WM tut so ein Nuller ganz schön weh, weil man nur 12 Rennen hat!“

Du hattest letztes Jahr bei Deinem WM-Debüt einen Teamkollegen (Jules Cluzel), der konstant bessere Leistungen zeigen konnte. Jetzt ist es andersrum! Du bist schneller als Isaac Vinales. Ist es eine angenehmere Situation für Dich, die Nummer 1 im Team zu sein?

Mir ist das eigentlich ziemlich egal. Letztes Jahr bin ich ja eben noch Rookie gewesen und mit Cluzel hatte ich einen Teamkollegen, der um den WM-Titel kämpft. Ich war so realistisch zu sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich mal schneller bin als er. Also hab ich da auch keinen Druck gehabt und es hat mich auch nicht irgendwie angepisst oder so (lacht). Jetzt gibt es bei uns nicht wirklich einen Nummer eins Fahrer. Jeder bekommt das gleiche Material und es wird jeder gleich behandelt. Es werden einfach von beiden Fahrern Top-5-Ergebnisse erwartet.

Wurde das Ziel „Top-5“ als Anforderung von vornherein so kommuniziert? 

Direkt kommuniziert wurde das nicht. Ehrlich gesagt musste es vom Team her das oberste Ziel sein, Weltmeister zu werden. Aber wie gesagt, ich bin selbst realistisch und mein Ziel lautet Top-5. Und das wird respektiert. Wenn wir wissen, dass wir das Beste rausgeholt haben, dann sind wir glücklich. 

Wie ist denn Dein Verhältnis zum Teamkollegen abseits der Strecke. Vielleicht auch im Vergleich zu Cluzel?

Ich sage mal so: Es ist heutzutage schwierig, sich im Fahrerlager Freunde zu machen. Ich habe ein gesundes Verhältnis zu beiden. Es ist nicht so, dass ich mit einem von beiden irgendeinen Streit habe oder so. Aber genauso wenig werden wir zusammen in einem Hotelzimmer schlafen, weil wir uns „so gut“ verstehen.

Wie gefällt es Dir im Team?

Ich verstehe ich verstehe mich mit allen Mechanikern und Crew Chiefs gut. Das sind wirklich coole und lockere Leute, was man so vielleicht gar nicht denken würde. Aber die Finnen sind überhaupt nicht kühl, die verstehen auch mal einen Schmäh. Da bin ich echt positiv überrascht. Ich fühle mich einfach richtig wohl in dem Team. 

Und da gibt es ja noch den Andi Ledermann. Welche Funktion hat er für Dich?

Der Andi ist sowas wie die rechte Hand für mich. Er hilft mir an der Rennstrecke und auch bei der Sponsorensuche.

Und wenn Ihr Euch im Grid nochmal bequatscht, worum geht es da?

Eigentlich geht´s da nur um belanglose Sachen und im Grid wird eigentlich gar nicht mehr so viel geredet. Wenn, dann geht es nie um Rennsport. Wenn ich in die Startaufstellung komme und dann die Reifen nochmal getauscht werden, fragt mich der Crew-Chief, ob alles okay ist. Dann sag ich, ob es passt oder nicht und anschließend wird nicht mehr über das Motorrad oder das Rennen geredet. Da ist dann eher nur noch Spaß angesagt. Ich habe früher – zum Beispiel letztes Jahr, aber auch jetzt noch manchmal – das Problem gehabt, dass ich einfach zu verbissen war und zuviel wollte. Da hab ich dann auch Fehler gemacht. Jetzt sagt mir der Crew-Chief immer, dass ich locker bleiben soll und „gemütlich und locker“ fahren soll. Dann bin ich auch schnell. Deshalb muss auch so ein bisschen die Stimmung am Start aufgelockert werden. 

Gradinger und sein Team freuen sich über Platz 3 in Assen (© Dominik Lack)

Fällt Dir das schwer, so einen Rat zu beherzigen?

Es wird immer leichter. Schwerer ist es speziell im Qualifying. Du sollst pushen, aber auch nicht so sehr, dass Du verkrampfst. Wenn man alleine fährt ist das schwierig. Im Rennen fällt mir das leichter. 

Schauen wir zum Abschluss nochmal nach vorn. Letztes Jahr war die Saisonmitte für Dich eine Art Wendepunkt. Glaubst Du, dass Du in den nächsten Paar Rennen weitere Schritte nach vorn gehen kannst?

„Ich bin motiviert und überzeugt, dass ich noch schneller fahren kann. In der Realität muss man schauen, wie sich das umsetzen lässt. Ich war auf Strecken mit unterschiedlichen Charakteristiken konkurrenzfähig.“

Wie stehst Du zur nächsten Rennstrecke Imola, die ja in Fahrerkreisen als technisch anspruchsvoller Kurs gilt?

„Letztes Jahr haben wir ein bisschen Schwierigkeiten gehabt, weil die Strecke ganz anders ist, als die, die ich so kannte. Irgendwie ist es halt irgendwie ein Stadt-Kurs. Wie Du schon sagst, es ist eine technische, enge Strecke und es gibt einige blind anzubremsende Kurven. Ich würde sagen, dass es definitiv eine der schwierigsten und körperlich anstrengendsten Rennstrecken, die wir haben.“

 

Text: Dominik Lack

Fotos: Dominik Lack 

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