Du erlebst eine Rennsportkarriere im Zeitraffer. Hat sich Deine Einstellung zum Rennsport irgendwann geändert?

„Nein, nicht wirklich. Ich hatte vom ersten Renntraining an eine Leidenschaft für den Sport. Die Atmosphäre habe ich sofort genossen. Deshalb habe ich bei allen Entscheidungen immer gesagt „Ich mag den Sport und habe also jetzt die Möglichkeit, darin den nächsten Schritt zu gehen. Es wäre schon sehr merkwürdig gewesen, solche Chancen nicht zu nutzen, denn andere Leute würden so viel dafür geben.“

Du hast im Vorgespräch erwähnt, dass Du Dich in der BSB viel mit Leuten unterhalten hast…wie kann man das Fahrerlager dort mit dem in der WM vergleichen, denn Du hast ja in Magny-Cours einen ersten Eindruck erhalten können…

„Ich würde sagen das WorldSBK-Paddock ist ein Level höher als die BSB, obwohl die schon sehr professionell organisiert ist. In der WM gibt es die Paddockshow und große Sponsoren wie Pirelli, während es in der BSB hauptsächlich viel Platz für die Fahrer gibt. Die Menge an Engagement und Aufwand kann man in der Superbike-WM nochmal besonders fühlen. Als ich das erste Mal dort ins Fahrerlager gegangen bin, hat sich alles sehr ernst angefühlt. Niemand hat auf mich geachtet (lacht). Wenn man dort aber ein Paar Stunden verbringt, versteht man, dass alle aus dem gleichen Grund da sind, nämlich weil wir die gleiche Leidenschaft haben. Letztendlich haben das aber auch beide Serien gemeinsam.“

Die Leidenschaft für den Rennsport ist ja irgendwie ein klassisches Merkmal deines italienischen Teams, der Scuderia Maranga, oder?

„Das Team ist sehr gut und gibt alles für mich. Außerdem versprüht die Crew positive Energie. Alberto, der übrigens einer der jüngeren Teammanager ist, arbeitet wirklich hart. Er und das Team lieben den Sport so sehr und das hat mich beeindruckt. Man spürt, wie professionell sie an das Ganze herangehen und wie sehr sie darauf hinarbeiten, dass sich die Fahrer verbessern. Für meinen Kopf war das sehr gut. Als ich in die Box gekommen bin, habe ich gefühlt, dass mir alle helfen wollen. Das brauchte ich.“

Musst Du jetzt Italienisch lernen?

„Ich dachte, dass ich das muss, aber das Team sagte, dass sie versuchen wollen, Englisch zu lernen. Im Paddock sprechen schließlich auch alle Englisch. Trotzdem versuche ich so viel Italienisch zu lernen wie es geht und mit ihnen auf Italienisch zu sprechen, auch wenn sie über meine Aussprache lachen. Wir bringen uns gegenseitig etwas bei. Große Teile des Teams, zum Beispiel mein Mechaniker Andrea, sprechen aber schon gut Englisch. Sie haben extra versucht, mir einen italienischen Mechaniker zu geben, der gut Englisch spricht, damit ich mich mehr zuhause fühle und mein erstes Jahr einfacher wird.“

 

Indy Offer (rechts) mit Teamchef Alberto Maranga (Mitte) und Teamkollege Jarno Ioverno (© worldsbk.com)

Von der Rennsport-Seite war Dein Debüt in Magny-Cours aber eher schwierig. Eine komplett neue Strecke und dann noch solche Wetterbedingungen

„Ja, die Streckenbedingungen waren außergewöhnlich. Es war nass und es gab viele Stürze. Es war also schwierig und ich bin mit großem Rückstand weit hinten gelandet. Ich habe es trotzdem genossen, auch wenn ich zusätzliches Pech hatte. Ich bin im FP1 nach vier Runden zusammen mit einigen anderen Fahrern auf Öl ausgerutscht. Ich wünschte, das Wochenende wäre in Jerez gewesen, wo es schön warm und sonnig ist. Dann wäre es sicher einfacher gewesen (lacht). So war es schon hart. Es war aber gut, diese Seite zu sehen.“ 

Dein Vater war ja auch mit in Magny-Cous. Welche Rolle spielt er für Deine Rennsportkarriere?

„Er hat mich immer zu 100% unterstützt. Er hat aber nie Druck gemacht, sondern mir Möglichkeiten gegeben. Bei den Rennen zu sein ist aber mittlerweile merkwürdig für ihn. Früher war er Mechaniker, Unterhalter und hat einfach alles gemacht. Jetzt darf er höchstens noch Kaffee kochen (lacht). Wenn ich von der Strecke reinkomme, möchte er sofort die Reifenwärmer draufmachen und Alberto muss manchmal dazwischen gehen. Er möchte einfach immer helfen. Das ist natürlich toll und ich bin sehr dankbar, dass er hinter mir steht. Ohne ihn wäre ich nicht hier.“

Ist sein Kaffee denn gut?

„Er übt (lacht). Sein Kaffee ist schon gut, aber noch nicht ganz so wie der von den Italienern. Gib ihm ein bisschen Zeit und am Ende der Saison hat er den Bogen raus.“

Wir kommen darauf zurück! Nach der Wildcard kam der Deal mit dem Team für 2020 zustande. Auf der EICMA hast Du den Vertrag unterschrieben und es gab Shakehands-Fotos. War das der Moment, in dem Du realisiert hast, dass das alles nun Ernst ist?
„Es war ein surrealer Moment. Ich hatte gerade meinen ersten professionellen Vertrag unterschrieben. Mir ging eigentlich nicht viel durch den Kopf, ich war einfach glücklich. Erst im Hotelzimmer, als ich auf dem Bett gesessen habe, ist mir das alles bewusst geworden. Ich werde ein WM-Fahrer sein. Das war einer der besten Momente letztes Jahr.“

Dann begann aber ein recht großes Testprogramm für Dich, oder?

„Dreimal wollten wir mit dem Team vor dem Saisonstart in Jerez testen. Einen davon konnten wir dort glücklicherweise vor dem Corona-Virus durchführen. Ich bin also mein Bike schon gefahren und ich habe einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie das Jahr sein wird. Damit hatte ich Glück, denn manch anderer hat nicht einmal auf dem Motorrad gesessen.“

…denn der Lockdown kam dazwischen. Machst Du jetzt zuhause viel Sport?

„Ich mache sechsmal die Woche für mehrere Stunden am Tag Sportübungen. Aber mir ist auch einfach so langweilig, dass ich nichts anderes zu tun habe (lacht). Zum Glück habe ich ein Paar Gewichte zuhause und einen Cardio.“

Hast Du denn irgendwelche Lieblingsübungen? 

„Auf jeden Fall nicht Fahrradfahren, das mag ich gar nicht (lacht). Draußen ist es okay, aber Indoor-Cycling ist einfach langweilig. Ich glaube, dass ich Sportmachen im Allgemeinen einfach gut finde und keine Übung speziell mag.“

Spielst Du auch Videospiele? Das wäre ja für Dich, für den die meisten Rennstrecken neu sind, eine gute Gelegenheit.

„Ich spiele den ganzen Tag Videospiele zusammen mit Freunden. Strecken kann ich so auch lernen und habe das mit Magny-Cours gemacht. Da habe ich vorher Youtube-Videos geschaut und Stunden mit Spielen verbracht. Meistens spiele ich MotoGP.“

Wie fandst Du die virtuellen Rennen?

„Ja ich habe beide Rennen verfolgt und fand sie ganz lustig. Es ist gut, dass die MotoGP weiter für sich Werbung macht und die Sache am Laufen hält anstatt nur zu warten und nichts zu tun.“

Hast Du in der MotoGP irgendeinen Lieblingsfahrer?

„Ich mag Pol Espargaró. Er ist sehr entschlossen und gibt nicht auf. Das gefällt mir an ihm. Er war in der Vergangenheit schon schnell und seinetwegen ist die KTM immer besser geworden.“

Und in der WorldSBK? Hat da auch jemand diese Einstellung wie Pol?

„Hm, Scott Redding. Er hat die gleiche Mentalität. Er wurde aus der MotoGP gekickt und auch wenn die BSB sehr professionell ist, ist es einfach nicht die WM. Er hat es gut geschafft, sich nicht unterkriegen zu lassen und es weiter zu versuchen. An Superbike-Fahrern mag ich ansonsten noch Michael Rinaldi aus den gleichen Gründen und Loris Baz! Er ist total verrückt. Ich glaube es war Lauf 2 in Phillip Island. Da war Baz die meiste Zeit auf dem Gras unterwegs (lacht) und trotzdem Achter geworden. Außerdem ist er so groß, dass er die Ellenbogen sogar auf den Geraden auf den Boden bringen könnte (lacht)! Irgendwie macht mir das Mut, denn ich bin selbst recht groß.“

Bist Du im Lockdown in Kontakt mit dem Team? Dessen Hauptsitz Bologna ist ja ein Krisengebiet.

„Ja mit Alberto spreche ich ab und zu um zu hören, ob alles okay ist und genauso mit meinem Mechaniker. Auch mein Dad und Michael (Hill) sprechen manchmal mit ihnen, selbst wenn es nicht um Rennsport geht. Es geht darum, in Kontakt zu bleiben.“

Lebst Du eigentlich auf dem Land oder in der Stadt?

„Wir sind irgendwo zwischen Stadt und Land ziemlich in der Nähe zu Brands Hatch. Ich sehe täglich aber nicht viele Menschen.“

Wie erlebst Du denn die momentane Situation in Groß Britannien?

„Die Situation ist nicht so schlimm wie in Italien. Die Menschen gehen noch raus um Lebensmittel zu kaufen und manche machen Sport. Es ist alles sehr ruhig geworden, weil die meisten zuhause sind. Es gibt nur diese unterschwellige Sorge.“

Magst Du den Rennsport-Fans da draußen in dieser merkwürdigen Zeit eine Botschaft senden?

„Schwierig, denn es ist ja auch für mich das erste Mal, dass ich in so einer komischen Situation bin. Ich kann nur sagen: Bleibt zuhause. Rennsport ist unsere Leidenschaft, aber Sicherheit steht jetzt an erster Stelle. Je besser wir das Ganze flach halten können, desto eher können wir das erste Rennen sehen. Wir müssen alle Geduld haben, auch wenn es eine harte Zeit ist. Lasst uns die Daumen drücken. Ich werde einfach weiter Videospiele spielen, spät aufstehen und viel schlafen (lacht).“

Das gesamte Scuderia Maranga-Team beim Jerez-Test (© Indy Offer)

 

Wir bedanken uns bei Indy Offer für das Gespräch und bei Michael Hill für die Vermittlung!

 

Text: Dominik Lack

Titelbild: WorldSBK.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.