Für Philipp Öttl beginnt nächste Woche die Supersport-WM-Saison 2021. Der Deutsche wirkt in diesem Winter stark wie nie. Wir haben mit Öttl vor Saisonbeginn gesprochen.

In diesem Jahr haben die Piloten der Supersport-WM eine extrem lange Rennpause verbringen müssen. Das Saisonfinale in Estoril ist bereits fast ein halbes Jahr her. Für Öttl ist es ein krasser Kontrast zum Vorjahr, wo er beim Wechsel vom GP-Zirkus zu den Supersports nur zwei Monate warten musste.

„Damals war es extrem eng, aber es war auch okay.“, erinnert sich der 25-Jährige. „Jetzt ist aber schon fast ein halbes Jahr Pause und das ist schon ein deutlicher Unterschied. So eine lange Zeit ohne Rennen ist schon ungewohnt. Ich will jetzt schon, dass es los geht. Seit zwei oder drei Monaten fühle ich mich nämlich schon bereit (lacht).“

Öttl und Chefmechaniker Christiano Migliorati beim Misano-Test (© Puccetti)

Dabei ist es nicht so, dass Öttl vollkommen aus der Übung ist. „Ich bin in Spanien viel Motorrad gefahren und jetzt, wo es hier wärmer wird, fahre ich auch zuhause.“ Alle zwei Wochen habe er auf dem Motorrad gesessen. „Ich habe mal aufgeschrieben, wann ich immer gefahren bin und das waren immer so vier bis fünfmal im Monat. Um über den Winter zu kommen, war das gut. Ich wollte einfach das Gefühl vom letzten Rennen aufrechterhalten.“

Beim letzten Rennen in Estoril war Öttl absolut vorn mit dabei. Das Finale beendete er mit den Positionen 2 und 5. und landete auf Gesamtrang drei. Vom durchwachsenen Saisonstart in Australien bis zum regelmäßigen Podiumskampf war für den Kawasaki-Pilot im Rookie-Jahr alles dabei.

SBKW: Was hast Du aus Deiner Rookie-Saison gelernt?

„Es geht der WorldSSP darum, das Motorrad gut einzustellen, auf die Reifen zu achten und einen guten Rhythmus zu fahren. Klar hatte ich mit Lucas Mahias einen sehr erfahrenen Supersportler und da habe ich mir einiges abschauen können. Doch am Ende war es immer ein Duell auf Augenhöhe.“

SBKW: Du warst 7 Jahre im GP-Zirkus unterwegs. Jetzt in der Supersport-WM musst Du zwei Rennen an einem Wochenende absolvieren…

„Das Rennen an sich ist nicht so anders als in den anderen Serien. Die Distanz ist ein bisschen kürzer, aber es sind halt zwei Rennen am Wochenende. Das fand ich eigentlich ganz gut.“

SBKW: Wie sehr ist man bei zwei Rennen auf technische Verbesserungen im zweiten Lauf fixiert?

„Das zweite Rennen ist immer schneller als das erste, weil man schon Renndistanz hat. Man weiß einfach, was zu welchem Zeitpunkt im Rennen passiert. Große Veränderungen haben wir letztes Jahr aber eigentlich nie gemacht. Das Team meint, die Kawasaki funktioniert in einem gewissen Fenster und da vertraue drauf.“

„Große Schritte gibt es aber ohnehin nicht, weil man nicht viel ändern darf. Man kann fast sagen, dass es wie in der MotoGP ist. Jedes Motorrad hat seine eigene Charakteristik. Die Ducati ist auf den Geraden schnell und die Yamaha M1 in wendig in den Kurven. Unsere Kawasaki ist auf der Bremse extrem gut, während die Yamaha beim Beschleunigen gut ist. Man versucht einfach, diese Eigenschaften zu verbessern.“

„Mein Fokus liegt momentan darauf, unseren Vorteil beim Bremsen zu behalten und ein bisschen was bei der Beschleunigung zu finden. Der Kurvenspeed und der Topspeed der Kawasaki sind nämlich nicht das Problem, sondern, wie wir da hinkommen. Da versuchen wir gerade, eine Lösung zu finden.“

SBKW: Beim großen Barcelona-Test warst Du nicht vor Ort und konntest nicht direkt auf die gesamte Konkurrenz treffen? Wo, glaubst Du, stehst Du im Vergleich zu den Gegnern?

„In Misano, wo Steven Odendaal oder auch Randy Krummenacher dabei waren, war ich in jeder Session Erster. Das ist sicher nicht schlecht. Aber klar, kann man das nur sehr schlecht einschätzen. Ich denke, dass wir nicht weit weg sind. Das Motorrad funktioniert einfach gut. Wenn ich momentan irgendwas über das Motorrad sagen würde, wäre das Jammern auf hohem Niveau. Ich würde uns eher weiter vorne einschätzen. Letztes Jahr sind wir WM-Dritter geworden und das war schon nicht schlecht.“

Ich höre eigentlich immer nur: Du wirst dieses Jahr Weltmeister.“

SBKW: Mit wem siehst Du Dich nächste Woche in Aragón in der Spitzengruppe?

„Wahrscheinlich mit zehn Fahrern. Cluzel, Caricasulo, Aegerter, Krummenacher, Odendaal, Tuuli, Bernardi, de Rosa…und dann habe ich wahrscheinlich schon wieder jemanden vergessen. Es gibt welche, auf die man aufpassen muss und dann gibt es noch welche, die man gar nicht auf der Rechnung hat.

Philipp Öttl nach Platz zwei im ersten Rennen von Estoril (© WorldSBK)

Das Ziel ist klar. Es ist für mich wahrscheinlich aber ein anderes als für das Team, Kawasaki und viele andere um mich herum. Ich höre eigentlich immer nur `Du wirst dieses Jahr Weltmeister.` So klar sehe ich das momentan nicht, weil die anderen Fahrer extrem stark sind. Ich bin zwar noch nie Weltmeister geworden, aber ich glaube, ein WM-Titel passiert einfach. Das ist fast so etwas wie ein Unfall und man kann es nicht entwickeln. Man wird Weltmeister oder man wird es nicht. Wenn Du das erzwingen willst, dann wird´s nichts. Von daher lasse ich alles entspannt auf mich zukommen. Das Team steht voll hinter mir, das Bike funktioniert und ich bin gut drauf.“

SBKW: Wenn man Wintertest-Videos von Dir sieht, fällt auf, dass Du viel aggressiver und gleichzeitig lockerer auf dem Bike bist…hast Du Dich verändert?

„Ich muss sagen, sofort als ich 2019 in Valencia aus dem GP-Fahrerlager rausgegangen bin, war ich ein Anderer. Es ist schwierig zu beschreiben, aber seitdem fahre ich einfach. Früher bin ich eher nach Fahrplan gefahren und war ein bisschen verkrampft. Jetzt fahre ich mehr nach Gefühl. Ich glaube schon, dass ich mich mental weiterentwickelt habe.  Interessant ist für mich rückblickend  der Gedanke, ob ich den Philipp von jetzt auch ins GP-Paddock hätte transferieren können. Aber momentan fokussiere ich mich voll auf den WorldSBK-Zirkus. Ich denke, dass ich gerade die Gesamtsituation gut im Griff habe.“

Wie würde der Philipp Öttl von heute im GP-Zirkus performen? (© Dominik Lack)

Durch das erste Corona-Jahr 2021 musste man sich sehr zurückziehen und oftmals isolieren. Hattest Du dadurch mehr Gelegenheit, über Dich selbst nachzudenken?

„Man hat auf jeden Fall mehr Zeit, an sich selbst zu arbeiten. Aber im Großen und Ganzen eher nicht. Meine Veränderung war eher ein Prozess, den ich zuerst gar nicht so richtig gemerkt habe.“

Ein erstes Erfolgserlebnis in der Saison 2021 war für Philipp Öttl der Gaststart in Mugello bei der CIV. Dort gewann er beide Supersport-Rennen überlegen. Zeit, die Bikes seiner Gegner zu studieren, habe er dabei allerdings weniger gehabt, wie er selbst sagt. In den Rennen hatte er mit den Rivalen herzlich wenig zu tun. 

SBKW: Du warst vor einigen Wochen bei der CIV am Start und bist auch nun wieder in Misano dabei. Wie siehst Du die italienische Meisterschaft?

„Die italienische Meisterschaft ist auf einem hohen Level, speziell in diesem Jahr. Nur in der Moto3 ist das Level etwas niedriger als letztes Jahr, als noch mehr schnelle Fahrer dabei waren. Bei den Superbikes sind zwar relativ wenige Fahrer am Start, aber zum Beispiel ein Michele Pirro ist einfach auf einem hohen Niveau unterwegs. In der Supersport-Klasse liegt die Messlatte ebenfalls hoch.“

SBKW: Dein Team (Puccetti) hat in der CIV einen besonderen Status, was man allein an der riesigen neuen Hospitality-Einheit sehen kann…

„Ja, Puccetti ist einfach DAS Kawasaki-Team in Italien. Die sind schon so lange dabei und das Superbike-Paddock ist sehr familiär. Es gibt also auch nicht einen großen Sponsor, sondern viele kleine und dann vielleicht drei große. Da brauchst Du zum Beispiel auch einfach eine größere Hospitality. Das macht bei Manuel (Puccetti, Teammanager) total Sinn.“

SBKW: Der WorldSBK wird (zurecht) auch ein familiäres Paddock nachgesagt. Wie hast Du das Corona-Jahr in diesem Hinblick wahrgenommen?

„Wir hatten ja einen schleichenden Übergang. In Australien hatten wir erst den Test und dann zum Rennwochenende hin fingen die Gespräche darüber an, dass in Italien die Schulen und Geschäfte dicht machen. Da hat man immer noch gedacht „Was ist denn bei den Italienern los?“  Eine Maske habe ich, glaube ich, nur auf dem Rückflug getragen

Im Fahrerlager war bei uns aber noch alles normal und es waren auch recht viele Zuschauer vor Ort. Die Zuschauer dürfen beim Pitwalk näher an die Box. Man sieht dadurch ein bisschen mehr und die Fans respektieren die Grenze aber auch. Das fand ich ganz cool. Auch die Paddock-Show hat mir gut gefallen.

Ein Paar Monate später in Jerez war aber alles viel strenger. Es war ein bisschen wie bei einem Test, weil eben keine Fans da waren. Da hast Du in der Outlap nur den Marshalls zugewunken (lacht). Das war schon etwas komisch. Beim Rennen selbst hat man so viel zu tun und kann sich eh nicht auf die Zuschauer konzentrieren. Danach wäre es aber schon ganz nett, Leute zu sehen.

Ich denke fast, dass dieses Jahr höchstens mal ein Paar Sponsoren im Fahrerlager sind. Momentan halten wir nämlich quasi die Hand auf, aber die Sponsoren bleiben draußen. Klar, kann man das als Momentaufnahme rüberbringen, aber noch ein weiteres Jahr würde schwierig werden. Bei unseren Sponsoren zum Beispiel herrscht ein eher familiäres Verhältnis. Die wollen mich auf dem Motorrad sehen, an der Strecke stehen und teilhaben. Fans werden vielleicht zum Ende des Jahres dazustoßen, aber natürlich mit Konzept.“

Die Superbike-WM startet nächste Woche in Aragón ohne Fans. Für Misano (11.-13. Juni) werden jedoch 10.000 Zuschauende pro Tag auf die Tribünen gelassen. Je nach Pandemie-Situation der Austragungsländer werden individuelle Regelungen getroffen. Die COVID-19-Strategie der Superbike-WM ist in vier Szenarien gegliedert, von denen das derzeit vorherrschende Szenario 1 (das strikteste) kein Publikum an der Strecke vorsieht. Für Philipp Öttl steht vor Aragón noch ein weiteres Test-Rennwochenende auf dem Programm. In Misano Adriatico nimmt er an der zweiten Saisonstation der italienischen Meisterschaft teil.

 

Text: Dominik Lack

Titelbild: Puccetti Racing Team

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