Die Rookie-Saison von Philipp Öttl in der Superbike-WM ist vorbei. Nach elf Rennwochenenden blickt der einzige Deutsche im WorldSBK-Fahrerfeld auf ein abwechslungsreiches Jahr zurück. Nach dem Saisonfinale auf Phillip Island ist Öttl noch für einen Urlaub in Australien geblieben. In Sydney trafen wir den 26-Jährigen in seinem Hotel.

Das Saisonfinale ist schon etwas her. Wie blickst du nun mit ein wenig Abstand auf deine Rookie-Saison 2022?

Es war eine sehr interessante Saison. Eigentlich war es eine gute Saison, aber vielleicht hätte sie besser sein können. Am Anfang waren die Erwartungen niedrig und ich wollte einfach in die Punkte, am Ende vielleicht auch in die Top 10 fahren. In die Punkte zu fahren war kein Thema und in Assen bin ich auf Platz 7 gefahren. Dann habe ich mich aber in Estoril verletzt, bin in Assen in Lauf 2 ausgefallen und es gab schon oft technische Probleme. Es sind die Ventile gerissen, die Kette ist gerissen, in Misano hat das Vorderrad Luft verloren und in Barcelona war der Sensor kaputt. Das waren die Gründe, wieso 2022 noch besser hätte sein können, obwohl natürlich der Abschluss auf Phillip Island wirklich gut war. Ich habe viel gelernt für mein zweiten Superbike-Jahr.

Technische Defekte passieren öfter Mal, so gesehen zum Beispiel bei Toprak Razgatlioglu 2021. Wie lief das Krisenmanagement denn bei Euch?

Ich bin das erste Mal Superbike gefahren und da ist die Situation natürlich anders. Mein Team hat das Potenzial gesehen und wenn mal etwas schief gegangen ist, war das nicht allzu tragisch. Gut, in Barcelona waren alle sehr traurig und da war es mein Job, das Team wieder aufzubauen. Umgekehrt muss das Team auch mich mal wieder aufbauen. Mit der Zeit wird sich das aber sicher auch ändern, denn im zweiten Jahr dürfen manche Fehler einfach nicht mehr passieren, sowohl vom Team, als auch von mir. Das Team ist der Meinung, man solle immer weiter und weiter machen.  Im Moment ist das Go Eleven-Team für mich der richtige Platz zum Lernen.

Öttl im Kampf mit Lucas Mahias. (© Dominik Lack)

Was ist dein persönliches Ziel für die nächste Saison?

Wenn wir da anfangen, wo wir auf Phillip Island aufgehört haben, wäre das toll. Die Top 10 sind immer mein Ziel. Das hört sich zwar wenig an, aber der Wettbewerb ist so stark. Die ersten Plätze scheinen ja immer mehr oder weniger einzementiert. Wenn du aber Fünfter werden willst, musst du trotzdem noch so viele starke Werksfahrer schlagen. Obwohl ich im nächsten Jahr gutes Material und ein gutes Team habe, muss ich mich trotzdem gut vorbereiten.

Gehst du mit einem anderen Gefühl an die Strecken heran, auf denen es 2022 gut lief?

Jedes Jahr kann sich eine Strecke verändern. Ich gehe aber mit einem positiven Gefühl an alle Strecken, weil wir überall schnell unterwegs waren. In Barcelona hatte ich mir dieses Jahr beispielsweise gedacht, dass es schwierig wird, Stichwort Reifen-Management, Rookie-Status und Grip-Level. Im Endeffekt war es aber fast mein bestes Wochenende. Man muss ja auch sagen, dass ich auf allen Strecken zum ersten Mal mit dem Superbike unterwegs war. Phillip Island und Assen sind zum Beispiel zwei Strecken, die mit einem Superbike extrem eng werden und wo ich auch viel lernen musste. Wir haben jetzt für diese Strecken so viele Daten, die mir sicherlich helfen werden. Ich komme aus der Saison mit einem positiven Gefühl heraus und die Motivation ist hoch. Zwar gibt es einige Sachen, an denen man arbeiten muss, aber wir haben auch viel auf der Haben-Seite. Das müssen wir uns bewusst machen.

Die Starts – seine Achillesferse – konnte Philipp Öttl 2022 in den Griff kriegen (© Dominik Lack)

Was steht denn beispielsweise auf der Haben-Seite?

Anfangs war etwa das Starten mit der Launch-Control eine Katastrophe und in Most habe ich verstanden, wie ich es machen muss. Es war schon ein Erfolg, dass ich mit meiner Startreihe zusammen wegfahre und am Ende hatte ich es gut drauf. Viele Dinge waren ein Prozess und wir mussten uns viel erarbeiten. Ich habe gemerkt, dass das Motorrad über die Saison weg viel konstanter geworden ist, einfach dadurch, dass wir gefahren sind und Informationen gesammelt haben. Es hat sich so viel verändert. Wir hatten beispielsweise in Portimao einen Wintertest, aber einige Monate später war es, als wenn ein ganz anderer Fahrer an die Strecke zum Rennwochenende kommt und wir mussten alles neu einstellen.  Die Grundbasis nimmst du zwar schon vom Test, aber die Daten von den letzten Rennen fließen stark ein. Sicherlich ist das bei einem Rookie, der noch so viel lernt, anders als bei erfahreneren Piloten, aber ich finde es auch sehr interessant.

Man merkt, dass es dir viel Spaß macht…

Ja, auf jeden Fall. Das Abstimmen ist eine komplexe und sehr interessante Aufgabe. Du musst viel Feedback geben, damit dir das Team auch wirklich helfen kann. Das habe ich zum Beispiel auch in diesem Jahr gelernt. Das Motorrad bietet viel Potenzial, sowohl in die positive als auch in die negative Richtung abgestimmt zu werden. Wenn dich also das Team versteht, dann macht es das Ganze viel einfacher.

Schaust du, vor allem nach dem letzten Rennen in Australien, wo du Michael Rinaldi herausfordern konntest, fürs nächste Jahr ein wenig mehr in Richtung der Werksfahrer?

Eigentlich ist es Wurscht, wer vor dir ist. Nur Alvaro Bautista fährt wirklich auf einem anderen Level. Die Daten von ihm zeigen, dass da einfach alles passt. Klar schaut man, ob man so fahren kann, wie er. Er macht nicht wie die anderen das Gas auf, sondern gibt immer sehr viel Gas, damit er in Schräglage das Motorrad mit dem Spin turnen kann. Dann kontrolliert er den Spin und zieht das Gas relativ langsam auf. So hat er den Speed in der Kurve und den Drive beim Rausfahren. Der Fahrstil braucht extrem viel Vertrauen und wenn man das draufhat, ist man sehr schnell. Ein Rinaldi, Bassani oder ich können das vielleicht für ein Paar Runden so machen, aber so kontrolliert wie Bautista kann das niemand. Auch mit anderen Motorrädern als der Ducati würde das nicht so gut funktionieren.

Denkst du da manchmal „Mensch, es muss doch möglich sein, dass ich meinen Stil auch so anpasse.“?

Bautista hat viel MotoGP-Erfahrung und fährt einfach auch schon viel länger solche großen Motorräder. Wenn du den Stil natürlich in dir drin hast, fällt es dir leichter. Ich denke, dass es schwierig ist, sich da anzupassen. Klar, versucht man es, aber es reicht vielleicht auch schon, wenn man sich dem annähert. Man kann zum Beispiel einzelne Kurven adaptieren. Insgesamt kannst du aber nicht den Fahrstil eines anderen Fahrers 100% kopieren.

Der Austausch zwischen allen Ducati-Piloten ist offen und man kann die Daten der anderen Piloten einsehen. Konntest du bei Alvaro Bautista denn auch irgendwelche Schwachstellen ausmachen?

Bei ihm ist das Timing das Entscheidende. Er weiß, dass er schneller ist und versucht nicht, mehr zu machen als möglich ist. Alles, was er macht, macht er zum richtigen Zeitpunkt. Gleichzeitig ist das Paket konstant stark und nahezu unschlagbar.

 

Für Philipp Öttl geht die Off-Season im Januar weiter. Dann geht es für ihn und sein Go Eleven-Ducati-Team nach Jerez de la Frontera, wo sie sich die Strecke mit den Werksteams von Kawasaki, Yamaha, BMW und Ducati teilen werden.

 


Philipp Öttls Rookie-Saison in Zahlen:

Gesamt-Platzierung: Platz 13

Platzierung Independent-Wertung: Platz 4

Bestes Ergebnis: Platz 7 (Assen, Lauf 1; Barcelona, Lauf 2)

Top 10-Platzierungen: 6

Rennergebnis in den WM-Punkten (Hauptrennen): 15

DNFs: 4

 

Text: Dominik Lack

Fotos: Dominik Lack

 

 

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