Philipp Öttl gibt in diesem Jahr sein Debüt in der Superbike-WM. Mit dem GoEleven-Team startet der Ainringer auf einer Ducati Panigale V4 R. Wir haben uns eine knappe Woche vor dem Saisonauftakt in Aragón mit ihm zum Interview getroffen.

Philipp, inwiefern hast du im Winter deine persönlichen Ziele erreicht?

Ich muss sagen, dass ich gar nicht wirklich persönliche Ziele hatte. Ich wollte mich eigentlich nur so gut wie es geht auf Aragón vorbereiten und diese Vorbereitung ist ja auch noch nicht ganz abgeschlossen. Wir haben in Portimao den ersten Test gehabt auf einer Strecke, die sicher nicht die einfachste ist, um mit einem Superbike anzufangen. Nichtsdestotrotz war es ein positiver Test, genau wie Misano und auch Barcelona war ein guter Test. Wir sind einfach viel am ausprobieren, welche Teile funktionieren. Das ist ganz anders als beim Supersport-Motorrad, wo die Teile seit Jahren die gleichen sind und nur ganz wenige Veränderungen kommen. Beim Superbike ist das alles komplexer und man muss viel testen und Daten sammeln. In Portimao ging der ganze erste Testtag für die Einstellung der Elektronik drauf. Das ist für mich sehr interessant zu lernen. Die Rundenzeit war erstmal sekundär.

Also geht es jetzt auch beim Aragón-Test eher um das Aussortieren und weniger um Zeiten?

Im Endeffekt geht es schon auch um den Wettbewerb. Primär ging aber um das Verstehen, zum Beispiel auch der Reifen. Wir sind in Portimao erst den SC1, dann SC0 und SCX-Reifen gefahren. Vorne haben wir allerdings keine Experimente gemacht. Misano und auch Barcelona waren konkret Pirelli-Tests. Außerdem haben wir noch viel am Auspuff gearbeitet und auch bei den Bremsen ist viel gekommen. Selbst die Position auf dem Motorrad zu finden war am Anfang ziemlich komplex. Feinjustiert haben wir das erst Misano und in Barcelona sind die Einstellknöpfe hinzugekommen, wo wir mehrere Longruns gefahren sind. Da ging es um die Fragen „Was muss ich drücken? Wann muss ich es drücken? Wie verändert sich das Motorrad dadurch?“

Du sprichst die Mappings an?

Ja genau. Da geht es um die Traktionskontrolle, die Torque-Control und die Motorbremse. Diese drei Aspekte kann man beim fahren verstellen. Das fällt beim Supersport-Motorrad eher weg. Die Lernphase ist da bei mir noch lange nicht abgeschlossen. Um alles wirklich zu verstehen, braucht es richtige Renneinsätze. Es gibt einfach so viele Sachen zu lernen.

Würdest du sagen, dass du dich mehr an das Bike oder das Bike an dich

Philipp Öttl beim Barcelona-Test: Längere Brems- und Beschleunigungsphasen (© GoEleven Ducati)

anpassen muss?

Man hat mir keine Dinge genannt, die ich wirklich ändern muss im Sinne von „So musst du die Ducati fahren.“ Was neu ist, ist die Hinterradbremse am Lenker. Bei den Supersport-Bikes ist das erst ab diesem Jahr so, genauso wie in vielen anderen Klassen auch, weil du eben durch den Blipper ohne Kupplung runterschalten kannst. Bei der Ducati hilft mir das schon sehr. Ich versuche einfach, den besten weg zu finden, wie ich mit dem Motorrad fahren kann. Bevor ich in Jerez das erste Mal Scott Reddings Trainingsmotorrad, die V4-S, gefahren bin, habe ich mir seine Videoaufnahmen angeschaut und nach dem Fahren immer wieder abgeglichen. Ich habe versucht, überall ein Paar Informationen zu sammeln, aber auch nicht zu viele. Mir war wichtig, für das Motorrad passende Infos mitzunehmen und ein Gefühl für das Bike zu kriegen.

Gibt es etwas, was du dir von der Ducati noch wünschst?

Das ist schwierig, weil ich ja von Session zu Session noch schneller werde. Mir kommt es nicht so vor, als würden wir irgendwo etwas anstehen. Es geht immer etwas mehr, aber ich habe noch keinen Vergleich zur Superbike-Kawasaki oder Yamaha. Im Endeffekt arbeitet man immer mit Kompromissen. Wenn der Fahrer grundsätzlich mit dem Motorrad zusammenpasst, ist das schon gut. Was ich mir denke ist, dass die Ducati bei der Elektronik ziemlich weit ist, einfach, weil die Leistung fahrbar gemacht wurde. Das ist ein positiver Teil des Motorrades, genauso wie die Front.

Musst du dich auch physisch anders vorbereiten?

Ja schon. Es stand zum Beispiel im Winter mehr Oberkörpertraining auf dem Programm, weil man auf die Renndistanz durch die langen Brems- und Beschleunigungsphasen mehr mit dem Abstützen und Aufrichten beschäftigt ist. Mit zweieinhalb Rennen und einem weiteren freien Training kommt eine höhere Belastung auf mich zu. Beim Fahren kann man das aber nicht konkret beantworten, denn einige Moto3-Rennen waren früher auf ihre Art auch anstrengend. Ich habe es mir viel brutaler vorgestellt, aber so ist es nicht. Klar ist es anstrengend und ich adaptiere mein Training etwas. Ich habe aber auch viel bei meinem Training beibehalten.

Denke, dass ich Chaz Davies die ein oder andere Information entlocken kann.

Welche Rolle spielt Chaz Davies als Riding-Coach der Werkspiloten für dich?

Hauptsächlich ist sein Job schon bei den Werkspiloten und beim Bulega aus der Supersport-WM. Er ist aber ein bodenständiger Typ und hat zu seinem alten Team aus dem letzten Jahr guten Kontakt. Ein zwei Male habe ich mit ihm schon gesprochen und ich denke, dass ich ihm schon die ein oder andere Information entlocken kann.

Ist sein Weggang als WorldSBK-Legende im Team spürbar?

Auf jeden Fall. Es sind ja damals einige mit Chaz Davies ins Team gekommen und mit ihm auch wieder gegangen. Das ist spürbar und die Truppe ist jetzt eher so wie 2020 bei Michael Rinaldi. Trotzdem ist es natürlich eine große Truppe aus sechs bis sieben Leuten, die alle einiges auf dem Kasten haben und mit denen ich gut auskomme.

Fehlt dir ein Teamkollege?

Im Moment ist mir das egal, weil der Fokus auf mir liegt. Klar vergleicht man Daten mit dem Teamkollegen, aber wir haben einen Daten-Server, bei dem ich mich mit Rinaldi und Bautista nun auch vergleichen und die Setups einsehen kann. Das ist aber wahrscheinlich bei den anderen Teams wie Kawasaki auch so.

Du bist nun wieder ein Rookie, trittst aber andererseits als Deutscher in die Fußstapfen von Jonas Folger, der unter den hohen Erwartungen geblieben ist. Siehst du den Druck?

Ich habe mir schon meine Gedanken darüber gemacht, dass Jonas in der Superbike-WM nicht so zurechtgekommen ist. Ich denke, dass er eines der größten Talente überhaupt ist. Das hatte aber viele Gründe. Ich bin mit einem gewissen Respekt an die Sache herangegangen und habe mich sehr bedacht auf die neue Saison vorbereitet. Ich habe versucht, das Level beim Trainieren extrem hoch zu halten und das hat sich bei den Test bewährt.

Es gibt immer Fahrer, die in der Supersport-WM nicht zurechtkommen, aber dann bei den Superbikes Erfolg haben. Nehmen wir Axel Bassani, der 2020 bei den Supersports WM-17. war. Bei den Superbikes war er am Ende zweitbester Independent-Fahrer. Es muss einfach alles passen. Wenn du als Fahrer etwas ausgleichen musst, geht das nicht lange gut. Wer weiß, vielleicht hätte Jonas auf einem anderen Bike viel besser abgeschnitten. Es ist extrem schade, dass wir nicht zwei deutsche Superbike-Piloten haben.

Was wird denn abschließend in Aragón entscheidend sein?

Es wird vor allem auf die Temperaturen beim Rennwochenende ankommen, die die Reifenwahl bestimmen werden. Das wird sich beim Test schon etwas herauskristallisieren. Bisher hatten nur die Werksteams das Privileg, den neuen Q-Reifen zu probieren. Ich hoffe, dass wir den vor dem Qualifying am Samstag nochmal testen können. Es wird einfach sehr wichtig, dass wir beim Test gute Arbeit leisten und ein konkurrenzfähiges Paket herstellen. In Aragón muss das Motorrad ein Allrounder sein. Beim Test schauen wir mal, was das Motorrad braucht. Unsere Basisarbeit war nicht schlecht und da wollen wir weiterarbeiten.

Peilst du die Top 10 an?

Puh, die Top 10 sind extrem schwierig, allein, weil 14 Werksfahrer vor Ort sind und dann gibt es noch ein Paar schnelle Independentfahrer. Ich weiß noch gar nicht so recht. Wenn wir in die Top 10 fahren würden, wäre das schon ziemlich gut. Wir schauen erstmal das erste Wochenende an.

 

Text: Dominik Lack

Foto: GoEleven Ducati

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